Loslassen

Nur im Loslassen seiner selbst wird auch unser Leben weit und groß
(Papst Benedikt XVI – aus der Weltjugendpredigt 2009)

„Liebe Jugendliche!

Wer sein Leben für sich haben möchte, nur sich selber leben kann, alles an sich ziehen und ausschöpfen, was es gibt – gerade der verliert das Leben. Es wird öde und leer. Nur im Loslassen seiner selbst, nur in der Freigabe des ich für das Du, nur im Ja zum größeren Leben Gottes wird auch unser Leben weit und groß.
So ist dieses Grundprinzip, das der Herr aufstellt, letztlich einfach identisch mit dem Prinzip Liebe. Denn Liebe heißt sich loslassen, sich geben, nicht sich selber wollen, sondern frei werden von sich: nicht auf sich selber zurückschauen – was aus mir wird -, sondern vorwärts schauen, auf den anderen – auf Gott hin und auf die Menschen, die er mir schickt. Und dieses Prinzip Liebe, das den Weg des Menschen definiert, ist wiederum identisch mit dem Mysterium des Kreuzes, mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung, dem wir in Christus begegnen.
Liebe Freunde – es ist wohl verhältnismäßig leicht, dies als große Grundvision des Lebens zu bejahen. Aber es geht in der Wirklichkeit gerade darum, das wir nicht ein Prinzip anerkennen, sondern dass wir seine Wahrheit, die Wahrheit von Kreuz und Auferstehung leben.
Dazu wiederum reicht nicht ein einmaliger großer Entscheid. Es ist freilich wichtig, wesentlich, einmal den großen Grundentscheid zu wagen, das große Ja zu sagen, das der Herr in einem Augenblick unseres Lebens von uns erfragt. Aber das große Ja des entscheidenden Augenblicks in unserem Leben – das Ja zu der Wahrheit, die der Herr vor uns hinstellt – muss dann auch täglich neu eingeholt werden, in den Situationen des Alltags, in denen wir immer wieder neu loslassen, uns freigeben müssen, wo wir eigentlich an uns festhalten möchten.
Zum rechten Leben gehört das Opfer, gehört Verzicht. Wer ein Leben ohne diese immer neue Freigabe unserer selbst verspricht, der betrügt den Menschen. Geglücktes Leben ohne Opfer gibt es nicht.
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue, dann muss ich sagen, dass gerade die Augenblicke, in denen ich ja gesagt habe zu einem Verzicht, die großen und wichtigen Augenblicke meines Lebens waren.“